PICTURES INSIDE ME 2012 – 2014

 

 

Im Spalt der Erinnerung oder
Sisyphos im Grenzgebiet

Auf einem Speicher kehrt ein Mann Staub und Schutt, Überreste des Verfalls. Ob zusammen oder auseinander bleibt dahingestellt. Aber mit sichtbar körperlichem Einsatz und mit einer Egge. Deren grobe, große Zinken dienen eigentlich der Lockerung von Erde. Zur Schmutzbeseitigung sind sie weniger effektiv. Immerhin lässt das archaische Gerät auf ein bäuerliches Umfeld schließen. Nur, welcher Bauer würde seinen Schuppen mit einer Egge kehren? Und so inbrünstig. Wer also ist dieser Mann und wozu kehrt er? Soll Platz geschaffen werden für etwas Neues, die Vergangenheit ausgemistet?

Die Erinnerung scheint in diesem Schup pen ohnehin schon hinweggefegt. Entschwunden durch eine zugige Holzwand, durch deren Lücken die Sonne nicht wärmend fällt, sondern gleißend brennt. Das Gegenlicht, das durch Ritzen und Luken dringt, hüllt das Ambiente in einen Schleier. Parallel dazu die Bewegungsunschärfe des Mannes. Sie macht den Kraftaufwand sichtbar, das Gesicht im Halbprofil verrätselt sie umso mehr. Ein Unbekannter. Ebenso wie der Mann, der ganz ohne Gerätschaft den mächtigen Heuberg versetzt. Oder derjenige, der die bedrohlich nach vorn gebogene Tanne stützt, dieweil sein Körper die perfekt gegenläufige Biegung beschreibt. Wie lang wird er dem Riesen-Nadelbaum standhalten können?

„Das Gefühl der Absurdität kann an jeder beliebigen Straßenecke jeden beliebigen Menschen anspringen“, schreibt Albert Camus in Der Mythos des Sisyphos. Sebastian Kusenberg ergründet das Absurde in einer Gegend, weit entfernt von den Straßen. Ihre topographische Realität bleibt für den Betrachter nur vage erahnbar. Eine Landschaft im Ungefähren. Im Salzburger Land und in der Steiermark, nahe der slowenischen Grenze -, lässt uns der Fotograf wissen. Außenansichten sind rar., das Wo spielt in der Serie PICTURES INSIDE ME keine Rolle.

So ist also der Fremde – der sich in ungemachte Betten legt, Heuschober ausspioniert oder eben Speicher eggt -, Sebastian Kusenberg selbst. Er arbeitet allein. Mit einer Plattenkamera und einem altmodischen Luftdruckfernauslöser. Das Bild entsteht während einer relativ langen Belichtungszeit. In dieser einen Minute passiert etwas. Ereignet sich die Inszenierung des Zufalls. Das Selbst und der Andere huschen gleich einem Zauberbesen durch diese Fotografien. Mal flüchtend über eine Leiter, mal irrlichternd in einer Tenne auf einem dünnen Ast balancierend.

Die Personalunion von Fotograf und Modell sowie die Simultaneität von Schärfentiefe und bewusster Unschärfe generieren fruchtbare Polaritäten. Ebenso wie seine ganz eigene Methode der Selbst-Inszenierung. Denn das Künstler-Ich ist immer soweit zurückgenom-men, dass aus der Abstraktion der eigenen Figur eine offene Erzählstruktur und Resonanzräume der Erinnerung entstehen. Projektionsflächen, deren subtiler Humor nicht als vordergründige Idee kurz aufglimmt, sondern vielmehr aus archetypischen Schichten aufscheint. Das Bild entsteht zwischen dem Moment des Einrichtens der Kamera und der Handlung während der Belichtungszeit.

In dieser Momenthaftigkeit „fühlt der Beschauer unwiderstehlich den Zwang, in solchem Bild das winzige Fünkchen Zufall, Hier und Jetzt, zu suchen, mit dem die Wirklichkeit den Bildcharakter gleichsam durchgesengt hat, die unscheinbare Stelle zu finden, in welcher, im Sosein jener längst vergangenen Minute das Künftige noch heut und so beredt nistet, daß wir, rückblickend, es entdecken können.“, schreibt Walter Benjamin in seiner Kleinen Geschichte der Photographie. Die Serie PICTURES INSIDE ME unternimmt die Reise in eine geheimnisvolle Welt, die Kusenberg wie eine Plattform ausbreitet, auf der wir die Geschichten im Moment des Betrachtens erinnern.

So, wenn die Figur durch den Mauerspalt in eine Wohn- oder Schlafstube lugt. Die Tapete ist verblasst, die Struktur des Geästs vor den Fenstern setzt sich in den feinen Rissen im Inneren fort. Beobachten wir hier einen Einbrecher, einen harmlosen Voyeur oder den Besitzer, der schaut, was vom Hause übrigblieb?
„Welch eine Macht für ein einfaches Haus, über einem Netz von unterirdischen Räumen erbaut zu sein!“, heißt es in Gaston Bachelards Die Poetik des Raumes. Das Gemälde, das den Raum einst zierte, ist aus dem schweren, hölzernen Rahmen gefallen. Vielleicht in den Spalt, der sich am unteren Bildbereich auftut.

In der listigen Polarität stellt PICTURES INSIDE ME die Fragen um Selbstzweifel und Selbstbewusstsein in den Raum. Aber auch nach der Condition humaine des Menschen schlechthin. Camus’ Fazit lautet schließlich: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Auszüge aus einem Text von Michaela Nolte, 2013