FOTOGRAFISCHE INSTALLATIONEN 1987 – 2016

 

Explorationen an den Rändern der Fotografie

Sebastian Kusenberg betreibt mit seinen Installationen Forschungen an den Grenzen der Fotografie. Indem er sie einen Schritt von der Zweidimensionalität der reinen Abbildung in die Dreidimensionalität des Raums vollziehen lässt, lenkt er die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Foto als Objekt. Das Spannungsverhältnis zwischen der materiellen Seite der Fotografie und der Immaterialität und – zeitlichen wie räumlichen – Abwesenheit des fotografierten Bildinhalts wird so konkret erfahrbar.

Sinnfällig wird dieses Verfahren bereits in der frühen Arbeit (Sprung, 1987). Sie zeigt einen Mann in Lebensgröße gleichsam aus dem Bild springend, wobei die auf das Fotoleinen fixierte Bewegung durch Metallstangen optisch nach zwei Richtungen hin verlängert wird. Mittels der wörtlich genommenen Funktionszuweisung an den Bildträger inszeniert Kusenberg einen bewussten Bruch der fotografischen Illusion.

Dieses Verfahren liegt auch der Installation Für Riga (1991) zugrunde. Einem Arrangement von fünf gehängten Fotografien stellt Kusenberg eine fotografische Raumarbeit gegenüber. Diese besteht aus einem 70 x 90 cm großen Papierabzug, der zwischen zwei am Boden liegenden Tischböcken eingespannt und zu einer Brücke aufgebogen ist. Abgebildet ist Kusenberg selbst, wie er auf einer Wiese eine „Brücke“ macht. Während die Wandarbeiten in je verschiedener Weise Fragen der fotografischen Illusion aufrufen (Spiegelung, Ausschnitt, Schachtelung von Wirklichkeits-ebenen, Verfremdung) wird dem gleichsam aus dem Wand-Ensemble herausgefallenen Abzug selbst die Aufgabe des auf ihm dargestellten Körpers zugemutet und vom Künstler in die imitatio der abgebildeten Körperbewegung gezwungen.

In der Installation Playing Life (2000) bringt Kusenberg den Betrachter zur Interaktion mit den Bildern. Der Besucher muss seinen Kopf in den Nacken legen, um die über ihm schwebenden Bilder von tauchenden Kindern betrachten zu können und findet sich sowohl in einer Galerie als auch auf den Boden eines Pools versetzt. Dem Betrachter eröffnet sich ein Erfahrungsraum, indem er sich in der Installation bewegt.

Auch ein Erfahrungsraum ist die Installation Fotostadl von 2003, in der Kusenberg einen alpinen Heuschober zu einer begehbaren camera obscura transformiert. Er integriert dort den Betrachter in einen Versuchsaufbau, der sowohl die Physiologie des Sehens als auch die technische Voraussetzung der Fotografie thematisiert.

 

 

Hat sich hinter dem Besucher der Fotostadl-Installation der schwarze Vorhang geschlossen, haben sich seine Augen langsam an das absolute Dunkel gewöhnt, wird er Zeuge seines eigenen Sehvorgangs, wenn das umgekehrte Bild eines prächtigen Baums allmählich an der Wand sichtbar wird.

Einen nostalgischen Aspekt der Fotografie umkreist die Kunst-am-Bau-Installation Stall ohne Tiere von 2011. Das Schwarz-Weiß der lebensgroßen Abzüge von Stall-Interieurs, die in einen hellen, scharfkantigen Holzrahmen auf stabile Schwingtüren aufgezogen sind, entspricht der malerischen Atmosphäre, die den Spuren jahrelangen Gebrauchs an sich schon anhaftet. Die Evokation der Landidylle dient hier aber der Verkleidung der Abfallcontainer eines Berliner Mietshauses. Im Stall ohne Tiere schafft Kusenberg eine assoziative Verschränkung von Zeitebenen, Räumen und den Evokationen unterschiedlicher, mit diesen Räumen verbundener Praktiken. Die Abwesenheit der Tiere im Berliner Hinterhof ist markiert durch das Bild des von ihren Bedürfnissen geformten,
nun in Schwarz-Weiß-Impressionen fixierten Raums.

Kusenbergs Installation Transparent Birds entstand 2012 in einer Gärtnerei. Man betritt ein Glashaus im Sonnenlicht – sonst als Gewächshaus in Gebrauch. Jetzt schweben hier fremde Vögel von der Decke, leicht bewegt vom Lufthauch, der entsteht, wenn Besucher sich durch den Raum bewegen. Die Vögel flattern, segeln, sitzen still – Gesang und Gezwitscher erklingt vom Tonband. Was sie an Himmel durchstreift haben, hebt sich bei manchen als recht- eckiger Ausschnitt noch von der Umgebung ab, oder vermischt sich als fotografiertes Geäst und Blattwerk mit realen Pflanzenformen der Umgebung, die durch das Glas hindurch sichtbar sind.

Wie bereits in der Intervention in der Glasfassade des Kölner Hotels Esplanade von 1996 vermischen sich hier Bild und Wirklichkeit. Dort hatte Kusenberg ein aus vielen kleineren Bildern zusammen-gesetztes großes Schwarz-Weiß-Foto eines Baums so in die Architektur der Fassade integriert, dass sich die Reflektion des realen Baums auf dem Hotelvorplatz mit der Fotografie überlagerte, und erst bei genauerem Hinsehen das eine vom anderen zu unterscheiden war.

Auszüge aus einem Text von Dr. Almut Hüfler, 2013