HOLZSKULPTUREN 2005 – 2015

 

 

 

ÜBERKOPFZEICHNUNGEN 2007


Ein Fotograf der von Fotos zeichnet

Bleistiftzeichnungen auf Aquarellpapier 42 x 29 cm oder 29 x 21 cm

Sebastian Kusenberg ist Fotograf – der auch zeichnet. Seine Zeichnungen beziehen sich auf ein klassisches Genre – auf das Portrait. Die Vorlagen dafür sind eigens aufgenommene Fotografien – teilweise mit analoger Großbild- oder 35 mm Spiegelreflexkamera, digital oder mit dem Handy erstellt. Die Motive sind Freunde und Bekannte des Künstlers, keine Fremden. Die Modelle posieren für die Aufnahme im Atelier des Fotografen oder wurden bei charakteristischen Tätigkeiten fotografisch festgehalten.

Für seine Zeichnungen hat der Künstler technische Ausrüstung, Material und Prozess genau festgelegt: DIN A4 und DIN A3 große Aquarellpapierblätter in Hoch- oder Querformat, verschiedene Bleistifte und Radiergummi. Letzterer ist erlaubt, denn er korrigiert einen Strich und schafft hin und wieder Halbtöne. Die Zeichnungen werden von Konturen dominiert – Flächen sind durch locker angelegte Schraffuren gestaltet. Die dargestellten Personen sind identifizierbar. Dadurch kommt die Assoziation von Karikaturen auf, wobei die Darstellungen nicht satirisch sind, sonders sich auf typische Merkmale konzentrieren: auf ausgeprägte Gesichtszüge, charakteristische Gesten und Körperhaltungen.

Durch intensive Bearbeitung des Künstlers, sei es die Genauigkeit im gezeichneten Detail oder durch Arbeitsspuren beim zeichnerischen Erfühlen einer präzisen Linie, sind die ausdrucksstarken Attribute einer Person auf dem Blatt hervorgehoben. Übersetzt in die Sprache des Fotografen wird auf sie der Fokus gesetzt.

 

 

Seine Fotovorlage hat der Künstler jeweils kopfüber auf einer Stütze vor sich aufgebaut. Das lässt an die Bildproduktion von den ersten fotografischen Kameras, an eine Lochkamera denken. Diese besteht aus einem dunklen Raum oder Behälter, in den durch ein kleines Loch Licht hineinfallen kann. Auf der gegenüberliegenden Seite entsteht ein auf dem Kopf stehendes Abbild. Diese Projektion kann betrachtet oder (durch lichtempfindliches Papier) aufgezeichnet werden. Sebastian Kusenberg zeichnet sie ab.

Das Zeichnen ist gegenüber der Fotografie eine unmittelbare Technik. Hand, Stift und Papier arbeiten synchron. Sebastian Kusenberg fügt durch seine auf den Kopf stehenden Vorlagen eine „Technik“ in den zeichnerischen Arbeitsprozess ein. So wie ein Foto in analogen Dunkelkammerprozessen erst im Entwicklungsbad sichtbar wird, so gibt es auch hier einen Überraschungseffekt – kombiniert mit der Endgültigkeit einer fixierten Fotografie. Sobald das fotografische Portrait abgezeichnet ist, wird das Blatt richtig herumgedreht und vom Künstler nicht mehr angetastet.

Katrin von Maltzahn, 2011