SELBSTPORTRAITS 1987 – 2013

 

 

Zu den Abbildungen 03 – 10
Sieben Selbstportraits mit Kopfbedeckung 2007
Baryt-Abzüge, je 100 x 80 cm

Das Selbstportrait nimmt im Werk von Sebastian Kusenberg eine wichtige Rolle ein. Mit Hilfe von Accessoires, die allesamt aus dem Haushalt der 2004 verstorbenen Großtante Margaret stammen, inszeniert Kusenberg kulturelle Identitäten, die Ausdruck und Thema unserer modernen Zivilisation sind: Dabei liegen Ernst und Ironie nahe beieinander.

Die Gegenstände, die Kusenberg für seine Fotos auswählt, hat er durch kreative Zweckentfremdung auf ihre Tauglichkeit als Verkleidung geprüft. So besteht die „Burka“ aus geklöppelter Meterware, die früher zur Verzierung von Wäscheschrank- und Gardinenbrettern diente. Der Pelzmuff verhilft Kusenberg zur Verwandlung in einen entfremdeten Karl Marx; das tapfere Schneiderlein sitzt nachdenklich hinter der Schaufensterauslage eines Hutgeschäftes, als ob er sich überlegen würde, welche Identität er als nächste ausprobieren sollte. Der Frisierumhang lässt an einen liebenswürdigen Dorftrottel denken, während das Küchensieb Gewalt in Form eines Kampfbereiten Polizisten gegen die legendäre Autonomen-Bewegung ins Visier holt. Der Fernöstliche Kusenberg, nackt und mit Native-Strohkappe auf dem Kopf, erprobt die Selbstverteidigung mit einem Stuhl als Schutzschild. Schließlich verbeugt sich der enigmatische Zauberer am Ende der Vorstellung. Die Zurschaustellung der Requisiten einer verstorbenen Verwandten gleicht auch einer Anleitung zum Umgang mit fremden Sachen, von denen man nur raten kann, wozu sie verwendet wurden.

Es ist als ob das Verschwinden von Großtante Margaret und der Haushalt, den diese hinterlässt, Anlass wäre, um über unser Leben sowie unser Handeln, den Umgang mit unserer Rolle in der Gesellschaft, existentiell nachzudenken. Das Haus der Großtante stand in der Malvenstraße, in der Nähe des Botanischen Gartens in Berlin. Die Fotos greifen auch diese familiäre Vergangenheit assoziativ auf.

Einige der Inszenierungen sind mit rankendem, Herbst-Blattwerk dekoriert, was die Künstlichkeit aber auch Leichtigkeit der Aufnahme unterstreicht. Es ist auch hier ein verspielter Verweis auf die altmodische Atmosphäre, wie sie der Künstler schon als Kind bei seiner Verwandten empfunden hat. Kusenberg schreibt: „Meine Großtante Margaret habe ich als kleiner junge einige male gesehen – damals war sie mir nicht sehr nah – sie war Vegetarierin, eher streng, etwas asketisch und förmlich.“ Als die Großtante schon sehr alt war, hat Kusenberg sie häufiger besucht und ein engeres Verhältnis zu ihr entwickelt. Sie war über 100 Jahre alt, als sie verstarb.

Dr. Helen Adkins, 2009