AUSSTELLUNG: DAS KURZE SCHWEBEN

AUSSTELLUNGSDATUM: 2003

ORT: KUNSTRAUM LÜBECK


Eine Fotografie ist ein klares Objekt des Realismus, in der Terminologie der Semiotik: ein Zusammentreffen des Ikonischen und des vollkommen Indexikalischen („Die Kamera lügt nie“). Es handelt sich auch um eine Verschiebung. Ein Moment wird durch sie zeitlich isoliert in einem Verfahren, das oft dermaßen fremdartige Bilder schafft, die aus einer anderen Welt stammen könnten und die, von der Struktur und Wirkung her, mehr zur Tradition des Surrealismus als zum Realismus gehören. Dies ist tatsächlich der Subtext der Fotografien von Kusenberg, dies gilt besonders für das Traumhafte in den Bildern, die im Studio des Künstlers aufgenommen wurden. Eine Aufnahme zeigt, wie eine Frau teilweise verkehrt herum landet. Die Fotografie spielt jedoch mit unserer Sichtweise. Es gibt eine merkwürdige Langsamkeit in diesem Bild, als ob Luft die Dichte von Wasser angenommen hätte. Die Frau scheint ganz in sich gekehrt zu sein wie in einem Wachtraum. Ist dieser Moment eine Art sanfter Landung nach einem langen träumerischen Flug durch nächtliche Himmel? Oder, noch sonderbarer, das Emporschweben einer schlafenden Figur, mit den Füßen nach oben wie angesaugt, hin zu einer Traumzone über uns? Es ist eine Art ekstatisches Bild, jedoch ohne die orgastische Entrückung, die wir von Berninis Heiligen Teresa erinnern. Ekstase ist hier verlangsamt und viskos und der lateinische Ursprung des Ausdrucks „to be out of place“ gilt ganz wörtlich sowohl für die Systematik von Fotografie wie auch für den augenscheinlichen Zustand der betrachteten Figur.

– Tom Nicholson, 2003