NATIVE 2000

Barytprints 125 x 96 cm
in Vitrinenrahmen 136 x 105 cm

Die Serie „Native“ zeigt einfache Handlungen eines „Eingeborenen“, wie das Klettern auf Bäume oder das Pirschen durchs hohe Gras, in einer natürlichen Umgebung dem (Ur)Wald. Bei den meisten meiner Fotografien befindet sich der (Ur)Wald nur eine halbe Stunde von Berlin entfernt und ich bin immer selber das Modell bei den Aufnahmen, die ich mit einer Plattenkamera und einem einfachen pneumatischen Fernauslöser realisiert habe. Die Bildfindung war auf Handlungen ausgerichtet, wie sie in ihrer Ursprünglichkeit und ihrem spielerischen Charakter einem Eingeborenen
zukommen könnten.

Eine Kappe aus Stroh diente als einzige Requisite dazu, die Fotos obwohl sie faktisch Selbstportraits sind nicht zu personalisieren, sondern einen Protagonisten zu schaffen, der eine Projektionsfläche für viele unterschiedliche Phantasien darstellt.

So ist das Besetzen eines vorgefundenen „Wigwams“ aus Ästen ebenso nachvollziehbar, wie die übersprudelnde Lebensenergie
beim Purzelbaumschlagen oder die Mischung aus Verlassenheit
und Aufgehobensein im Wald, wie sie zum Beispiel Kinder oftmals spüren.

Der wilde Doppelgänger

Die Bezeichnung „edler Eingeborener“ ist doppeldeutig. Der zivilisierte Mensch spricht von Natur, um eine Welt von exotischer, jungfräulicher, ursprünglicher Beschaffenheit zu erfinden. Er oder sie benötigt eine grüne Bühne, um der Tragik jener Wesen einen angemessenen Rahmen zu verleihen, die ohne natürliche Nische ein chaotisches Leben führen.

Um sich als Bestandteil des Tierreiches fühlen zu können, müssen Menschen ein natürliches Umfeld künstlich erfinden. Jedoch ist dies nur ein visueller Effekt; ein listiges Falten des Raumes, welches es ihnen für einen Augenblick ermöglicht, sich als Eingeborener zu fühlen. Der wahre Eingeborene taucht nur dort auf, wo die Zivilisation Natur künstlich ordnet. Zwischen den gehorsamen Bäumen, aufrecht und in Formation einer Armee, erhaschen wir einen flüchtigen Blick auf einen Menschen, der sich danach sehnt, ein wildes Tier zu verkörpern.

Die Schwingungen der Luft ermöglichen uns, die Gegenwart eines Eingeborenen wahrzunehmen, der sichtlich verwundert ist über eine Reihe pflanzlicher Wesen, die ihn bereitwilliger akzeptieren als Menschen. Jedoch kennen wir sein Geheimnis: dieser Eingeborene, gerade noch von den Bäumen versteckt ist der Urheber unserer Fotografie. Vor einigen Sekunden befand er sich noch hinter jenem optischen Gerat, das dieses ganze Drama entfesselte.

Der Doppelgänger des deutschen Fotografen Sebastian Kusenberg fordert die Tradition dieser geläuterten Kultur zurück. Er verwandelt sich in den ungezähmten Papageno, den Vogelmann Mozarts, der unter grotesker Anstrengung einen Baum zu erklimmen versucht, um Licht and Weisheit zu erlangen. Allerdings ist dies nur zivilisierten Menschen vorbehalten. Später verkörpert der Fotograf flüchtig die Person des Kasper Hauser, jenes Ungezähmten, der nach seiner kürzlichen Befreiung aus einer außergewöhnlichen Gefangenschaft eine aus dem Wald in die Stadt führende Straße entlang wandert, nur um dort seinen Tod zu finden.

Wenn zivilisierte Menschen Eingeborene verkörpern, wird ihre Individualität ausgelöscht, und sie werden eins mit Wasser, Wurzeln and Erde. Wie erschafft nun ein zivilisierter Mann einen Eingeborenen? Baltasar Gracian entwickelte schon vor Jahrhunderten die Formel hierfür: „Nichts gehört uns außer der Zeit, in der jene, die keinen Ort haben verweilen“.

Es genügte dem Fotografen, seine hungrige, ungeduldige Erfindung mit Zeit zu füttern: genug Zeit, damit die lange Belichtung seinen Bewegungen ermöglicht, ein primitives, geisterhaftes Geschöpf ins Leben zu rufen, das von den Träumen and Alpträumen der zivilisierten Gesellschaft genährt wird.

Roger Bartra in LUNA CORNEA, Mexico-City, Oktober 2001